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Der BMVBS-Leitfaden zum nachhaltigen Bauen, Zertifizierung nachhaltiger Gebäude, Forschungsaktivitäten

Baudirektor Dipl.-Ing. Hans-Dieter Hegner

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
hans.hegner@bmvbs.bund.de

 

 

Die Bewertung des Beitrages von Einzelbauwerken im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung führt zur Forderung der Entwicklung eines Gesamtsystems zur Beschreibung und Beurteilung von Gebäuden einschließlich des Grundstücks. Es existieren zwar zahlreiche Ansätze für ein solches System sowie internationale und europäische Normungsaktivitäten, aber eine umfassende, durchgehende und standardisierte Regel mit klar definierten Eingangsdaten, Rechenregeln und Zielwerten lässt auf sich warten. Ungeachtet dessen bieten sich - weltweit - vielfältige Datenbanken, Rechentools und Zertifizierungssysteme an, um die Nachhaltigkeit von Gebäuden festzustellen. Eine Analyse der Situation zeigt aber, dass noch Lücken im Gesamtsystem bestehen, die dringend geschlossen werden müssen. Dies trifft auch auf die Situation in Deutschland zu.

Bundeskanzlerin Merkel formulierte es auf der 7. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung am 27.11.2007 wie folgt: „Es gibt bis jetzt kein wirksames Verfahren, das die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen, sozialen Auswirkungen und Auswirkungen auf die Umwelt verlässlich in den Blick nimmt und abbildet… Das heißt, wir müssen versuchen, Nachhaltigkeit sozusagen fassbar zu machen.“

Dieser Aufgabe stellt sich das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Ein Schwerpunkt der derzeitigen Arbeiten ist daher die Fortschreibung des Leitfadens Nachhaltiges Bauen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und die Entwicklung eines Ansatzes für ein nationales Zertifizierungssystem.

1.    Stand des Regelwerkes
Im Jahre 2001 wurde mit der Einführung des Leitfadens „Nachhaltiges Bauen“ das BMVBS eine Neuorientierung eingeleitet, die das Planen, Bauen und Nutzen von Gebäuden und Liegenschaften auf Nachhaltigkeit ausrichtet. Hierbei geht es im Schwerpunkt um die ganzheitliche Qualitätsverbesserung des Bauens über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Der Leitfaden ist per Erlass des BMVBS in der Bundesbauverwaltung eingeführt. In seiner bisherigen Form ist er jedoch nur auf den Neubau fixiert. Darüber hinaus können viele Kriterien nur unzureichend über entsprechende Indikatoren und Methoden praxisgerecht abgebildet werden. Es existieren nur teilweise klare Ziel- oder
Orientierungswerte. Der Leitfaden ist dennoch ein sehr wichtiger Vorstoß, das nachhaltige Bauen überschaubar zu regeln. Den Anforderungen an ein modernes Regelwerk, das in der Breitenanwendung Einzug hält, ist er noch nicht gewachsen.

Die im Leitfaden geforderte ökologische und ökonomische Tiefenbewertung mit der Wirkung über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes hinweg steht jedoch noch aus. Der Leitfaden bietet dazu bisher keine verbindliche Beschreibung, weder für den Neubau noch für den Bestand. Dabei hat sich die Ökobilanzierung in den letzten Jahren konstant weiterentwickelt und ist seit langem ein tragfähiges Instrument, Umweltlasten von Produkten abzubilden. In Kombination mit dem Lebenzyklusgedanken können gezielt Aussagen zu der Umweltwirkung von Gebäuden und deren Bauteilen gemacht werden. Basis für die Ökobilanzierung bilden dabei die Normen:

  • Umweltmanagement – Ökobilanz – Grundsätze und Rahmenbedingungen (DIN EN ISO 14040: 2006-10) und
  • Umweltmanagement – Ökobilanz – Anforderungen und Anleitungen (DIN EN ISO 14044: 2006-10).


Hauptproblem des Ökobilanzierungsprozesses ist die transparente Darstellung von Daten. Es gibt keine rechtliche Bilanzierungspflicht für Bauprodukte. Die Erstellung erfolgt bisher auf freiwilliger Basis und ist insbesondere auf das Wohlwollen der Baustoffindustrie angewiesen. Flächendeckende Umweltdeklaration von Bauprodukten nach ISO-Typ III (EPD, Environmental Product Declaration) sind dringend notwendig, um ökologische Indikatoren in der Bilanzierung sachlich richtig zu berücksichtigen.

Ein weiterer Punkt für die Abschätzung der Ökobilanzierung für Gebäude sind Zielwerte für die Planung sowie Kontrollwerte für die Plausibilitätsprüfung. Solange ökologische Wirkungen nicht messbar und begreifbar sind, spielen sie keine dominierende Rolle in der Immobilienwirtschaft. Dies haben unterschiedliche internationale Organisationen schnell erkannt und bieten entsprechende Gebäudezertifizierungssysteme an. Mangels Zielwerten und Bewertungssystemen ist ein deutsches Zertifizierungssystem bisher noch nicht am Markt.

2.    Der Weg zur Nachhaltigkeit - weitere Schritte aus Sicht des BMVBS
Um die bestehenden Lücken im Gesamtsystem des nachhaltigen Bauens zu schließen, hat das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) in seiner Forschungsinitiative Zukunft Bau eine Reihe von Forschungsaufgaben vergeben. Dabei handelt es sich insbesondere um folgende Forschungsthemen:

  • Harmonisierung von Basisdaten für das nachhaltige Bauen (PE International Stuttgart, Herr Kreißig)
  • Auswirkung der quantitativen Bewertung in Planungs- und Bewertungsprozess von Gebäuden (IEMB Berlin, Herr Prof. Vogdt)
  • Vertretung nationaler Interessen bei der europäischen Regelsetzung zur Bestimmung der Umweltleistung von Gebäuden (Five Winds Europe GmbH, Tübingen, Frau Dr. Schmincke)
  • Konkretisierung der nötigen Lebenszyklusdaten zur Lebenszykluskostenrechnung (I.BFB Ahlen, Herr Prof. Rotermund)
  • Studie zur Nachhaltigkeitszertifizierung von Gebäuden, Vorschlag für ein nationales Zertifizierungssystem (TU Darmstadt, Herr Prof. Graubner / Universität Karlsruhe, Herr Prof. Lützkendorf)


Aus den Ergebnissen der Forschungsaufgaben soll ein Gesamtpaket zur Fortschreibung des Leitfadens Nachhaltiges Bauen des BMVBS geschnürt werden. Dabei sollen die Nachhaltigkeitsaspekte in das Gesamtsystem, das der „Runde Tisch Nachhaltiges Bauen beim BMVBS“ abgestimmt hat, und in das z.Z. noch in der Diskussion befindliche CEN-Normungssystem eingeordnet werden. Das Gesamtsystem enthält dabei folgende Aspekte:

  • Ökologische Kriterien (Umweltqualität)
  • Ökonomische Kriterien
  • Soziokulturelle Aspekte
  • Technische und funktionale Qualität


3.    Kriterien für ein Zertifizierungssystem
In ersten Überlegungen einer Arbeitsgruppe zur Fortschreibung des BMVBS-Leitfadens sollen die Bestandteile des Gesamtsystems über entsprechende Indikatoren abgebildet werden. Das Gesamtsystem soll dabei nicht als geschlossenes oder gedeckeltes System verstanden werden, sondern soll den derzeitig machbaren Rahmen für konkrete Nachweise des nachhaltigen Bauens abstecken. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, dass die Kriterien mit entsprechendem Ziel – bzw. Referenzwerten – ausgestattet werden können. Die Zielwerte sollen dabei anspruchsvollen nationalen politischen Zielen oder gesetzlichen Regelungen entsprechen.

Ein nationales Zertifizierungssystem muss sich u.a. auf diese Kriterien und entsprechende Zielwerte abstützen. Es sollte sich in einer ersten Phase auf das Bauwerk mit seinem Grundstück konzentrieren. Da man nicht sofort flächendeckend agieren kann, sollte die Kategorie Bürogebäude als erstes bearbeitet werden. Weitere unterschiedliche Gebäudekategorien mit entsprechenden Hauptnutzungsarten sollen folgen. Es wird dafür plädiert, dass sowohl im Leitfaden als auch im Zertifizierungssystem gesonderte Indikatoren für Neubau und Bestandsbauten zusammengestellt werden.

Die Nachhaltigkeitszertifizierung kann fest mit einem Label verbunden werden. BMVBS möchte aus Gründen der Neutralität Inhaber des Labels sein und dieses an die Kriterien des nachhaltigen Bauens fest koppeln. Das Label könnte neben einer numerischen Bewertung auch exzellente Ergebnisse besonders hervorheben.

Das BMVBS sollte bei der Zertifizierung als Regelsetzer und Zeichengeber auftreten. Die eigentliche Zertifizierung sollte dann bei dafür geeigneten Einrichtungen liegen.

Die öffentliche Hand verfolgt das Ziel,

  • selbst Vorbildwirkung entfalten zu können,
  • in der Planungsphase Einfluss auf nachhaltige Gebäudekonzepte zu bekommen,
  • Lebenszykluskosten besser in die Planung einbeziehen zu können (auch von PPP-Vorhaben),
  • die ökologische und ökonomische Vergleichbarkeit von Gebäudekonzepten (auch von Alt- und Neubau) in der Praxis durchzusetzen und
  • eine Öffentlichkeitswirkung für das nachhaltige Bauen zu erreichen.


4.    Ausblick
Da die allgemeinen Ziele der Ressourcenschonung im Rahmen der Deutschen EU-Ratspräsidentschaft und im Zuge des nationalen Energiegipfels weiter geschärft worden sind, ist eine Festsetzung von anspruchsvollen Zielen mit Vorbildwirkung durch den Bund in vielen Fragen notwendig. Der Leitfaden „Nachhaltiges Bauen“ kann dafür als integrierende Plattform herangezogen werden. Dabei geht es insbesondere um

  • die Senkung der CO2-Emmission auf der Basis von 1990 – 2020 um mind. 20%
  • die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien am gesamten Energie-Mix auf 20% bis 2020
  • die Senkung des Endenergieverbrauchs um 20% gemessen an den Prognosen für 2020.


Die konstant hohen Energiepreise eröffnen zusätzlich wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten im Neubau und im Bestandsbereich beim besseren Einsatz effizienterer Technologien und der Nutzung regenerativer Energien.

Mit der kompletten Erneuerung des Leitfadens „Nachhaltiges Bauen“ soll es ermöglicht werden, sowohl Neubauten und Modernisierungsmaßnahmen als auch den Betrieb von Bestandsgebäuden zu analysieren. Mit dem Leitfaden soll eine Zuordnung von Zielen, Kriterien, Indikatoren und Berechnungsmethodiken erfolgen. Damit werden auch die Voraussetzungen für eine Zertifizierung  von Gebäuden geschaffen, die einen positiven Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Dies ist voraussichtlich im II. Quartal 2008 leistbar.