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Nachhaltige Architektur – Neue Aufgaben für Architekten und Ingenieure

Prof. Dipl.-Ing. Manfred Hegger

TU Darmstadt, Fachgebiet Entwerfen  und Energieeffizientes Bauen
hegger@ee.tu-darmstadt.de

 

 

Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden stehen am Übergang zur Postindustriellen Gesellschaft vor großen Herausforderungen:

  • In den Industrienationen werden ca. 40 % des Energieeinsatzes für den Betrieb von Gebäuden eingesetzt; hinzu kommen etwa 10 % für Materialherstellung, Bauprozesse sowie Transport von Baumaterialien.
  • In den vergangenen zehn Jahren sind die Heizkosten in Deutschland um ca. 90 % gestiegen. Dies reduziert das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte und hat dämpfende Auswirkungen auf die Konjunktur.
  • Rund drei Viertel des Wohngebäudebestands in Deutschland gelten als sanierungsbedürftig. Durch unzureichende Beachtung der möglichen Energieeffizienz wird bei Sanierungsmaßnahmen derzeit nur rund ein Drittel der wirtschaftlich rentablen Einsparpotenziale umgesetzt.
  • Unser Bauen ist ebenso von geringer Materialeffizienz gekennzeichnet. Der Bausektor verbraucht den weitaus größten Teil natürlicher Ressourcen und erzeugt zugleich den meisten Abfall; Materialkreisläufe bestehen nur in ersten Ansätzen.


Architekten und Ingenieure müssen sich diesen umfassenden Herausforderungen stellen. Es geht darum, künftig mit dem geringstmöglichen Einsatz von Energie und Ressourcen hohe Gesamtwirtschaftlichkeit, Behaglichkeit und Architekturqualität zu erzielen. Die Gesamtheit der architektonischen Produktion steht zur Diskussion, ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Aspekte sind in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten zu betrachten. Dabei sind die einzelnen Dimensionen bekannt und prägen die Architektur seit ihren Anfängen. Doch die alltägliche Praxis bleibt derzeit weit hinter den sich bietenden Möglichkeiten zurück.

Die Aufgaben liegen auf der Hand. Doch sie erfordern neues Denken, veränderte Berufsbilder und Arbeitsweisen sowie darauf ausgerichtete Bildungs- und Schulungssysteme. Die verschiedenen baufachlichen Disziplinen sind aufgerufen, enger zu kooperieren. Architekten besinnen sich auf das
Überkommene Ideal des Baumeisters. Kluge Architekten und Ingenieure erkennen in der Verbesserung von baulicher Effizienz – und in dem Nachweis ihrer Tauglichkeit – Zukunftsaufgaben, Wettbewerbsvorteile und neue Märkte. Sie erkennen zugleich die ethische Dimension solchen Handelns und verstehen, dass Nachhaltiges Bauen wichtige Impulse liefert, das gestalterische Repertoire der Architektur zu bereichern und wieder stärker mit gesellschaftlichen Schlüsselthemen zu verknüpfen.

Die Bildungssysteme erfordern ein Überspringen überkommener Fachgrenzen und eine engere Verknüpfung von Emotionalität und Rationalität. Unsere gebaute Umwelt muss die Sinne des Menschen ansprechen, dabei zugleich jedoch immer „geerdet“ sein, d.h. mit den großen gesellschaftlichen Fragen verknüpft. Die Herausforderung von Energie- und Ressourceneffizienz bietet die Chance, neue Bilder einer Architektur zu erzeugen, die sichtbar wieder mehr auf ihre natürlichen Umgebungsbedingungen reagiert, technische Systeme intelligent integriert und vielfach nutzt, leichter und damit eleganter ist.

Die Notwendigkeit einer neuen Denkweise in der Architektur proklamierte Reyner Banham bereits 1967. Banham zufolge sollten Architekten ein Haus nicht mehr als ein mit technischen Apparaturen ausgestattetes Gehäuse auffassen, sondern zu einem intelligenten „Klimagerät“ weiterentwickeln, das wie ein Segelboot dynamisch auf die Umwelteinflüsse reagiert und sich durch die Ausnutzung des lokalen Energieangebots versorgt, dabei – im Vergleich zu einem Motorboot – leicht und elegant gebaut ist. Dieser Anspruch an eine zeitgemäße Entwurfsstrategie gilt heute mehr denn je.