Gesundheit, Behaglichkeit und Leistungs-fähigkeit – Wesentliche Kriterien zur Bewertung von Gebäuden
Prof. Dr. Klaus Sedlbauer
Universität Stuttgart, Lehrstuhl für Bauphysik
bauphysik@Ibp.uni-stuttgart.de
Deutschland engagiert sich in verschiedensten Programmen und Initiativen zur Standortsicherung. Als rohstoffarmes Land sind wir von unserer Innovationskraft abhängig. Die Baubranche spielt dabei, wie im Folgenden erläutert wird, eine zentrale Rolle.
Mitteleuropäer halten sich zu mehr als 80 % ihrer Schaffenszeit in Büros oder anderen Innenräumen auf. Daher sind Räume in Gebäuden - aber auch in Verkehrsmitteln - so zu gestalten, dass deren Nutzer produktiv arbeiten, sich rasch erholen und ohne Befindlichkeitsstörungen langfristig gesund und sicher leben können. Ruhezeiten werden praktisch gänzlich in geschlossen Räumen verbracht. Daraus resultieren Anforderungen an die Qualität der Innenräume, die nicht allein durch die heute zur Anwendung kommenden Regularien zum Gesundheitsschutz abgedeckt werden.
Vor allem die menschliche Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden stehen in engem Zusammenhang mit äußeren Einflüssen, zu denen im Wesentlichen Licht, Schall, Luftqualität, stoffliche Emissionen und Wärme zählen. Ferner gehören Lufttemperatur und feuchte genauso wie Strahlungseinflüsse und Luftbewegungen dazu. Außerdem kommen noch weitere Faktoren hinzu, wie z.B. psycho-soziale Gegebenheiten und individuelle physische Dispositionen. Diese Faktoren beeinflussen den Menschen, werden im Gegenzug aber selbst von diesem beeinflusst. Die Bedeutung der einzelnen Faktoren und ihr Zusammenwirken für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Produktivität des Menschen sind bisher allerdings nur in einigen Ansätzen quantifizierbar, die schwerpunktmäßig den Aspekt der „Behaglichkeit“ in Räumen adressieren. Dazu zählen beispielsweise Ansätze aus der Akustik, wie sie in der VDI 4100 genannt sind. Dort werden 3 verschiedene Schallschutzklassen definiert. Auch in Bezug auf den winterlichen und sommerlichen Wärmeschutz sowie die Bewertung der Lichtqualität sind quantifizierbare Kriterien vorhanden, die zur Bewertung von Gebäuden bzw. Räumen verwendet werden können. Im Bereich der Luftqualität existieren zwar etliche heranzuziehende Kriterien wie beispielsweise die toxikologisch begründeten Richtwerte der Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte der Innenraumlufthygiene-Kommission des Umweltbundesamtes, eine schlüssige Gesamtqualitätsbewertung lässt sich beim derzeitigen Stand des Wissens aber noch nicht angeben.
Um hingegen Gebäude im Sinne der Nachhaltigkeitsdefinition auch bezüglich der international mit dem Begriff des Indoor Environment beschriebenen o.g. Kriterien bewerten zu können, sind aus Sicht der bauphysikalischen Wissenschaft zunächst einfache Quantifizierung- und Qualifizierungskriterien abzuleiten. An dieser Stelle darf man sich aber aus den dargelegten Gründen keinesfalls zufrieden geben, da die Bewertung z.B. von Büro- oder Verwaltungsgebäuden wie die Bewertung von Produktionsstätten nach Kriterien, die die Leistungsfähigkeit oder Produktivität darin arbeitender Menschen fokussieren, zu einer Diskussion über den Wert einer Immobilie führt. Erst damit lassen sich beispielsweise Amortisationszeiten auch für nichtenergetische Maßnahmen ableiten, wie sie im Falle raumakustischer Verbesserungen in Callcenters an einer Erhöhung der Anzahl der durchgeführten Telefonate auch jetzt schon ableitbar sind. Investoren werden quasi verführt auch solche baulichen Verbesserungen anzugehen. Die zukünftige Forschung und Entwicklung geht also in Richtung leistungsfördernder Räume und Umgebungen. Die Wechselwirkung einzelner Parameter und deren quantitativer Einfluss auf die Leistungsfähigkeit sind evident. Über erste Ansätze kann berichtet werden. So zeigen beispielsweise erste Tests, dass deutliche Verstärkungs- oder Kompensationseffekte auftreten, wenn bei gleicher akustischer Last die Temperatur oder Umgebungsfarben variiert werden.

